Sonntag, 18. Juli 2021

Myanmar 2021

Im Folgenden finden Sie einen Gastbeitrag von einer 18-jährigen Schweizer Schülerin mit Freund*innen aus Myanmar (Name ist uns bekannt). Amnesty International verfolgt das Geschehen in Myanmar mit Besorgnis. Informationen zur Situation in Myanmar sind hier zu finden. Aktuell gibt es zudem eine englische Petition von Amnesty International, mit Bitte an die Regierungen und Unternehmen auf der ganzen Welt, sich zusammenzuschließen und die Unterdrückung durch das Militär in Myanmar zu beenden. Unterschreiben Sie die Petition hier.

Seit dem 1. Februar 2021 leben die Menschen im südostasiatischen Myanmar in Todesangst, beim Einkaufen, Spazieren, ja, sogar in ihren eigenen Betten. An diesem Tag wurde die einst demokratische Regierung von den myanmarischen Streitkräften durch einen Militärputsch gestürzt. Als Rechtfertigung wird Wahlbetrug genannt, obschon die demokratische Partei im vergangenen November das deutliche Mehr erreichte. Auch wenn viele die aktuelle Situation in der Schweiz vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie als bedrückend und unsicher empfinden, ist dies nicht annähernd mit der Lage in Myanmar zu vergleichen. Die Häuser, in die sich die Bevölkerung in Quarantäne begeben sollte, schützen sie nicht vor der blutrünstigen Militärjunta. Die Menschen fürchten sich nicht nur vor einem tödlichen Virus, sondern auch vor ihren eigenen Landesleuten. Das burmesische Volk wehrt sich tatkräftig, doch die Junta ist stärker und trifft die Bevölkerung in einem wunden Punkt: Selbst Kinder werden kaltblütig ermordet. Jegliche Menschenrechte werden verletzt und das Volk wird kontrolliert, unterdrückt und verängstigt. Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung ist so enorm, dass viele lieber ihr Leben im Kampf gegen die Junta verlieren, anstelle sich ihnen unterzuordnen und sich zu ergeben.

Hintergrund

Im Sommer 2019 durfte ich 120 Jugendliche aus 20 verschiedenen Ländern in einem Camp kennenlernen, darunter auch fünf gute Freunde aus Myanmar. Nach diesen Wochen sind sich alle enorm ans Herz gewachsen und wir versprachen, stets in Kontakt zu bleiben und einander zu helfen, sollte es zu einer Krisensituation kommen. Dieses Versprechen muss nun eingelöst werden. Es war sehr schwierig, in den letzten Monaten den Kontakt zu halten, da das Militär das Internet beliebig ausschaltet, alle Sozialen Medien blockiert und die Menschen von der Aussenwelt abkapselt. So hören wir teils Tage nichts von unseren Freund*innen, oder müssen ihnen durch die Zeitverschiebung mitten in der Nacht zur Verfügung stehen, wenn sie nur für kurze Zeit Internetverbindung haben. In dieser dunklen Zeit könnte alles Mögliche vor sich gehen. Manchmal wissen wir nicht einmal, ob unsere burmesischen Freunde noch am Leben sind oder nicht, was schrecklich ist. Demnach habe ich mich dazu entschieden, so viel Bild-, Video- und Tonmaterial wie möglich zu sammeln, um ein Video daraus zu erstellen und der Aussenwelt die entsetzlichen Bilder näher zu bringen. Tatsächlich konnten wir über tausend Fotos und Videos sammeln und einige Freunde aus dem Camp willigten ein, mir eine Sprachnachricht zuzusenden, in der sie begründen, weshalb Massnahmen dringend nötig sind und warum wir nicht wegsehen dürfen. Mit der Hilfe eines Fotografen konnten wir das Video erfolgreich fertigstellen, wobei sich alle, darunter auch Tontechniker*innen, ehrenamtlich engagierten und mit vollem Elan dabei waren.

Zu Beginn lag der Fokus auf der United Nations, da dies für die burmesischen Freunde der einzige Hoffnungsschimmer war. Leider erhielten wir keine Reaktion von ihnen, deshalb setzen wir nun auf die tatkräftige Unterstützung von Amnesty International und sind sehr dankbar für ihren Einsatz. Unsere Möglichkeiten als Teenager sind begrenzt, alle von uns sind zwischen 16 und 20 Jahre alt, doch wir lassen uns nicht unterkriegen.

Menschenrechtsverletzung

Jegliche Menschenrechte wurden in den vergangenen Monaten vernachlässigt oder ganz missachtet, darunter das Recht zur Meinungs-, Bewegungs- und politischer Freiheit. Anstelle dieser Menschenrechte nehmen Folter, Inhaftierung oder Mord überhand. Drohungen und Angstmacherei sind keine Seltenheiten, die Bevölkerung wird in die Ecke gedrängt und ihrer Liberalität und Leben beraubt. Das Land ist von Unsicherheiten und Drohungen geprägt. Es wurde angekündigt, dass das Grundwasser vergiftet wird und das Internet für drei Monate abgestellt wird, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Der Internetzugang ist tatsächlich immer rarer geworden, damit die Bevölkerung nicht mehr mit der Aussenwelt in Kontakt stehen kann.

Soziale Medien wurden blockiert und können nur über illegale VPNs benutzt werden, was für Nutzer*innen aber gefährliche Folgen haben kann. Jede*r fürchtet sich, etwas gegen die Junta zu unternehmen, vor allem wenn der eigene Name, die eigene Stimme oder gar das eigene Gesicht irgendwo auftauchen. Nichtsdestotrotz will das Volk nicht tatenlos aufgeben und der Unterdrückung erliegen, weshalb dennoch unzählige Szenen gefilmt oder fotografiert werden. Werden sie dabei erwischt, ist mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen. Diese beginnen mit der Entnahme des Handys oder der Kamera, gehen weiter mit Schlägen und Tortur und resultieren in eventueller Haft oder gar dem Tod. Im schlimmsten Falle muss die ganze Familie ihr Leben lassen. Tote Körper von Familienmitgliedern werden an der Türschwelle abgeladen oder einfach auf der Strasse liegengelassen. Kinder werden als Köder verwendet, während sich die Soldaten als deren Freund und Helfer ausgeben, um Verstecke von ängstlichen Familien aufzuspüren. Die zufälligen Morde schüchtern die Bevölkerung umso mehr ein, niemand ist vor ihnen sicher, da die Junta selbst in Häuser einbricht und Menschen in ihren eigenen Betten erschiesst oder gleich ganze Häuser, Strassen, Dörfer und Städte abfackelt oder zerbombt. Viele verstecken sich im Dschungel, doch auch dort können jederzeit Bomben vom Himmel fallen. Die Bevölkerung ist nirgends sicher, ihr eigentlich wunderschönes Mutterland ist ein einziges Desaster.

Friedliche Demonstrationen und Aufstände werden frühzeitig beendet und gewalttätig bestraft. Das Militär toleriert keine anderen Meinungen, weshalb viele Journalist*innen flüchten oder untertauchen müssen, um nicht inhaftiert oder getötet zu werden. Die populäre demokratische Politikerin Aung San Suu Kyi und Präsident Win Myint wurden gemeinsam mit vielen anderen Demokrat*innen zu Beginn des Putsches verhaftet und folglich aus dem Weg geräumt. Diese Verhaftung allein verletzte sämtliche Menschenrechte, da sie sowohl ihre Gleichberechtigung und Würde als auch das Recht auf Leben, Sicherheit und eigene Meinung verloren. Sehr wahrscheinlich verliefen diese Inhaftierungen nicht friedlich. Womöglich wurden die Inhaftierten körperlich belästigt, geschlagen und gefoltert. Unzählige Personen, grösstenteils Frauen, wurden von Soldaten sexuell missbraucht und vergewaltigt. Mit Blick auf etwa 1000 Tote werden sexuelle Übergriffe kaum thematisiert, da sie im grossen Tumult untergehen oder als kleineres Übel betrachtet werden.

Auswirkung auf Kinder und Jugendliche

Der Militärputsch hat schwerwiegende Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche, die Zukunft der Nation. Sie werden ihrer kindlichen Freiheit und Unbeschwertheit beraubt, sind traumatisiert und verlieren möglicherweise Familienmitglieder. Täglich besteht die Chance, dass eine Bombe vor das eigene Appartement gelegt wird, die nur mit viel Glück und Aufmerksamkeit rechtzeitig entfernt werden kann. Durch den ständigen Internetausfall kann das Homeschooling der Corona Pandemie nicht ausgeführt werden und es entstehen grosse Bildungslücken. Ebenso leidet die Wirtschaft enorm unter dieser Krise, weshalb Myanmar vermutlich bald wieder das ärmste Land Südostasiens sein wird. Auch diese Folgen können dem Nachwuchs später zum Verhängnis werden. Minderjährige fürchten sich oder flüchten, anstelle zu lernen und ihr Leben zu leben.

Militärputsch Geschichte

Leider ist es nicht das erste Mal, dass Myanmar vielen Herausforderungen unter dem Militärregime auf dem Weg nach Unabhängigkeit des Landes standhalten muss. Der Coup im Jahre 1962 führte zum Ende der demokratischen Regierungsform und war zugleich der Beginn der direkten Militärherrschaft bis 1974. Danach wurde das Land bis im Jahre 1988 zu einem sozialistischen Einparteienstaat mit der führenden Partei «Burma Socialist Programme Party» geformt. Direkte Militärherrschaft und konstitutionelle Diktatur sind bedauerlicherweise keine Einzelfälle in Myanmar, obschon die Militärjunta 2011 offiziell aufgelöst wurde. Trotz dessen ist die Junta, auch Tatmadaw genannt, nun wieder an der Macht. Sie verhängten einen einjährigen Ausnahmezustand, wobei Min Aung Hlaing der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Führer des Landes und Vorsitzender des Staatsverwaltungsrates in einem ist.

Video

Wie weiter oben angesprochen, haben wir ein Video erstellt. Hiermit möchten wir mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema ziehen, unsere Freund*innen und die burmesische Bevölkerung nicht im Stich lassen und zudem zeigen, dass sich auch Teenager für wichtige Themen interessieren und einsetzen können und hoffentlich etwas bewirken.

Das Video wird von der Erzählstimme eines 16-jährigen burmesischen Schülers untermalt und mit kurzen Sequenzen von internationalen Freund*innen ergänzt. Damit wollten wir erreichen, dass einerseits der Hintergrund erklärt wird, aber auch die Internationalität aufgezeigt wird und dass sich auch junge Leute damit beschäftigen und die Situation nicht tolerieren. Das Bild- und Tonmaterial wurde über unser Freundesnetzwerk und soziale Medien gesammelt, wobei zu allen Dateien die schriftliche Einverständnis zur Weiterverwendung eingeholt wurde. Einige Bilder und Videos sind brutal und können verstörend sein, wir empfehlen deshalb das Anschauen auf eigene Verantwortung. Hier der Link zum Video, damit die Entscheidung jedem selbst überlassen ist. Die Qualität von Bild und Ton ist oftmals nicht sehr hochwertig, da der grösste Teil der Dateien mit Mobiltelefonen in Stresssituationen aufgenommen wurde. Die Dauer von 5 Minuten wurde bewusst so gewählt, dass es in der vollen Konzentrationsspanne liegt und nicht direkt in Vergessenheit gerät. Diese Zeit sollte man sich problemlos nehmen können, auch mit geschäftigem Lebensstil. Das Video darf gerne auf Sozialen Medien oder anderweitig geteilt und verbreitet werden.


Montag, 13. April 2020

Sexuelle Gewalt und Female Genitale Mutilation in Sierra Leone

Gerade passend zu meiner Rückkehr von einem Aufenthalt in Sierra Leone, erschien im März im AI Magazin ein  Artikel über die sexuelle Gewalt und die Verletzung der Frauenrechte in Sierra Leone.  Der Artikel spiegelt meine Erfahrung in der medizinischen Tätigkeit  in Serabu, einem community hospital in Sierra Leone, wider ( www.swiss-doctors.org). Die Stellung der Frauen ist schwach und insbesondere in ländlichen Regionen sehr von der Tradition und Vormachtsstellung der Männer bestimmt. Insbesondere in der  beschriebenen Situation sexueller Gewalt kommt es zu einer Spirale von Folgeschäden mit Unterbrechung oder sogar Abbruch der Schulbildung und Diskriminierung in der Gesellschaft. Durch diese Konsequenzen sind die psychologischen und gesellschaftlichen Folgen der sexuellen Gewalt noch weitreichender. Das Thema der Vergewaltigung junger Mädchen ist auch von der Frau des aktuellen Präsidenten oberste Priorität eingeräumt worden, wie es auch auf Plakaten überall im Land sichtbar ist.

Quelle: Foto G. Jäger

Eine weitere Art der Verletzung der Frauenrechte und sexuellen Gewalt war während meines Aufenthaltes im Februar ein Thema: die Female genitale Mutilation (FGM). Am 6.2.2020 war weltweit der „international day of Zero tolerance“ against FGM, und zahlreiche Aktionen von Aktivist*innen fanden an diesem Tag auch in Sierra Leone statt. Ich hatte die Gelegenheit, eine dieser Aktivist*innen, Rugiatu Turay, persönlich kennen zu lernen.  Sie hat es geschafft, in Sierra Leone die ersten Initiationszeremonien ohne Durchführung der FGM zu organisieren, indem die traditionellen Beschneiderinnen durch Bezahlung und andere Aufgaben diese Praktiken aufgaben und viel Überzeugungsarbeit in den Familien geleistet wurde. Sierra Leone ist ein Land mit einer hohen Rate von FGM, ca. 90% aller Frauen erleiden eine Form der FGM als Kind. Diese Verletzung der Menschenrechte hat nicht nur unmittelbare medizinische Folgen, sondern zieht oft auch langfristige Komplikationen und Beeinträchtigungen nach sich. Zudem sind die psychologischen Auswirkungen für die Frauen immens und auch die wirtschaftlichen Kosten dieser Praktiken sind weitreichend. Berechnungen der WHO zeigen, wie hoch in den verschiedenen Ländern die Folgekosten der FGM sind, wie in der folgenden Grafik für Sierra Leone dargestellt wird.


Somit ist die Bekämpfung der FGM aus vielerlei Gründen, insbesondere aber wegen der Verletzung der Menschenrechte, ein sehr wichtiges Thema, welches von Amnesty International sehr ernst genommen und unterstützt wird.


Quelle: WHO

Gudrun Jäger, Kinderärztin, AI Gruppe St.Gallen


Mittwoch, 4. Dezember 2019

Briefmarathon 2019 am 11. Dezember 2019 im Schwarzen Engel

 Auch dieses Jahr führen wir im Rahmen des Briefmarathons von Amnesty International und der Friedenswoche St. Gallen einen St. Galler Briefmarathon durch.

Ein Brief oder ein Foto können ein Leben verändern. Jedes Jahr schreiben UnterstützerInnen von Amnesty International Millionen von Briefen für Menschen, deren Grundrechte verletzt werden. Der Briefmarathon ist so die grösste weltweite Aktion zur Verteidigung der Menschenrechte.

2019 engagieren wir uns für fünf Jugendliche, die für Klimagerechtigkeit kämpfen, sich für die Frauenrechte stark machen oder gegen Polizeigewalt protestieren – und dabei starker staatlicher Repression ausgesetzt sind.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr an unserem Amnesty-Stand vorbeikommt und am Briefmarathon teilnehmt.

Wann? 11. Dezember 2019, 16 - 20 Uhr
Wo? Restaurant Schwarzer Engel, Engelgasse 22, 9000 St. Gallen


Dienstag, 17. September 2019

Wie frauenfreundlich ist die Europäische Asylpolitik?

Die nationalen Asylgesetze der meisten westlichen Staaten sind grösstenteils an die Genfer Konvention von 1951 angelehnt, die in einer Zeit entstand, als Geflüchtete meistens politisch aktive Männer waren, die auf der Flucht vor kommunistischer Unterdrückung waren. Heute ist die Situation eine ganz andere – aber das traditionelle Bild vom männlichen Geflüchteten bleibt. Katarina Stigwall, Mitglied der Amnesty International Gruppe St. Gallen gibt Einblick in ihr Promotionsprojekt.

2015 war ein Jahr von unübertroffener Einwanderung nach Europa, über das Mittelmeer und über die Balkanroute (von Griechenland im Osten bis Deutschland im Westen). Die Anzahl Asylsuchender in der Europäischen Union ist schon früher stabil gewachsen, von ca. 200 000 Personen im Jahr 2010 auf 550 000 im Jahr 2014. 2015 haben die Mitgliederstaaten Europas über 1 200 000 Asylgesuche entgegengenommen, und die Situation hat enorme mediale Aufmerksamkeit bekommen. Gleichzeitig, und viel weniger in der öffentlichen Debatte bemerkt, ist die demografische Zusammensetzung jener Menschen, die nach nach Europa flüchten. 2008 waren 30% der Asylsuchenden Frauen, während 2015 der Frauenanteil auf 38% gestiegen ist. Zu Beginn des Jahres 2016 waren 55% der Menschen, die in Griechenland angekommen sind, um Asyl zu suchen, Frauen oder Mädchen (UNHCR 2016).

Eines der Ziele in der gemeinsamen Asylpolitik der EU ist es zu vermeiden, dass die Asylverfahren zum Glücksspiel werden: Die Chancen eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, sollen nicht davon abhängig sein, in welchem Staat der Antrag gestellt wird. Nach vielen Jahren von Europäischen Verhandlungen gibt es jetzt einen gesetzlich bindenden Rahmen mit gemeinsamen Definitionen und einem kleinsten gemeinsamen Nenner für die Asylbewertung und die Aufnahme von Geflüchteten. Dieser Rahmen enthält auch klare Richtlinien für die Integration von einer Geschlechterperspektive in den nationalen Asylgesetzen. Eine Dokumentation über die 28 EU-Mitgliederstaaten zeigt aber, dass Frauenrechte immer noch unterpriorisiert sind, was zu negativen Folgen für weibliche Asylsuchende und ihre Möglichkeiten zu einer fairen Beurteilung und einem gleichgestellten Empfang führt.

Die Asylpolitik wurde dafür kritisiert, dass sie nicht geschlechterneutral ist – aber Asyl ist nicht ein geschlechterneutrales Phänomen. Die Erfahrungen und Erlebnisse von Frauen unterscheiden sich durchaus von jenen von Männern bezogen auf den ganzen Asylprozess. Weiterhin sind die Fluchtwege nach Europa unsicherer für Frauen, insofern sie Ausbeutung, Gewalt und Gesundheitsrisikos stärker ausgesetzt sind. Oft sind Frauen auch durch ihre Familiensituation in einer Position der Abhängigkeit, insofern sie die primäre Verantwortung für die sie begleitenden Kinder tragen.

Im Rahmen meines Promotionsprojekts habe ich eine Dokumentation zu den Europäischen Staaten erarbeitet, die verschiedene Kenngrößen in einem Index abbildet, unter anderem zu nationalen Richtlinien in Bezug auf Menschenhandel und häusliche Gewalt, die Möglichkeiten eine weibliche Übersetzerin zu bekommen und den Zugang zu medizinischer Vorsorge (vgl. Abbildung). Diese zeichnet eine neue Landkarte von Europa in Bezug auf eine frauenfreundliche Asylpolitik: Unter den Ländern mit der frauenfreundlichsten Asylpolitik finden wir Schweden und Spanien, während Griechenland und Ungarn wesentlich schlechtere Möglichkeiten für asylsuchende Frauen bieten.


Quelle: eigene Darstellung, Daten von Dezember 2015

Die erstgenannten Länder mit den höchsten Werten haben eine Asylpolitik mit einer klaren Gleichberechtigungsperspektive im Fokus. Die ursprüngliche Flüchtlingsdefinition von der Genf-Konvention (1951) wurde ergänzt mit ”Geschlecht“ als Grund für Verfolgung (neben „Rasse“, „Religion“, „Nationalität“, „Gesellschaftsgruppe“ und „Politischer Ausrichtung“). Ohne die Ergänzung von Geschlecht als eine eigene Kategorie sind Frauenrechte oft Bestandteil einer sehr allgemeinen und unzureichenden Diskussion von sozialen Gruppierungen (”particular social group”). In die Ländern mit den höchsten Werten werden den weiblichen Asylsuchenden weibliche Sachbearbeiterinnen und Übersetzerinnen zur Seite gestellt, sowie eine kostenlose Rechtshilfe. Zudem hat ihre Sicherheit dort Priorität in den Asylzentren und Wohnheimen. Die Länder weiter hinten auf dieser Europäischen Skala haben zwar die Europäischen Rahmenbedingungen in ihr nationales Gesetz implementiert, aber ohne spezielle Massnahmen, um die Gleichberechtigung zu schützen und fördern. Dadurch haben weibliche Asylsuchende Schwierigkeiten, ein individuelles Asylgesuch einzureichen ohne rechtliche Assistenz, und durch die Anwendung von Listen mit sicheren Ursprungsstaaten ist das Risiko hoch, dass ihre Asylgründe als weniger glaubwürdig betrachtet werden.

Diese Dokumentation zeigt deutliche Defizite in den Europäischen Rahmenbedingungen; das allgemein tiefe Niveau ist nicht ausreichend, um die Rechte und Bedürfnisse von weiblichen Asylsuchenden wahrzunehmen. Weiterhin beleuchtet die Dokumentation auch mehrere diskriminierende Prozesse hinter die Zulassungsstatistik – dass einige Europäische Länder mehr Frauen als Männern eine Aufenthaltsbewilligung anbieten, ist keine Garantie, dass die Asylprozesse rechtssicher für Freuen sind.

Was man aber nicht in der Abbildung oben herauslesen kann, ist, wie diese Prozesse und Policies in der Praxis umgesetzt werden. Auch Länder, bei denen Gleichberechtigung hoch auf der politischen Agenda rangiert, zeigen Defizite in der Umsetzung, was natürlich Folgen für die faktische Situation von Frauen haben kann. Weiterhin hat die Situation im Jahr 2015 eine Menge politische Reformen generiert, mit dem Zweck Menschen auf der Flucht abzuschrecken, und die Einwanderung zu Europa zu begrenzen. Die Folgen sind schwer, sowohl für weibliche als auch für männliche Asylsuchende. Der Kern von dieser Dokumentation – die Sichtbarkeit von Frauenrechten in der nationalen Policy-Entwicklung – bleibt nach wie vor aktuell.

Europa hat schon vor 2015 mehrere Wellen von Immigration erlebt, und wird mit Sicherheit noch viele erleben. Nationale Asylsysteme bleiben weiterhin im Fokus und die Debatte über Effizienz und Restriktionen werden die Europäische Flüchtlingspolitik voraussichtlich auch in der Zukunft prägen. Ein gemeinsamer, gleichberechtigter Rahmen für Asyl ist immer noch weit weg, und ohne eine aktivere Diskussion über die Rechte und die spezifische Situation von Frauen bleibt die EU ein Glücksspiel für weibliche Asylsuchende.

Freitag, 14. Juni 2019

Heute und morgen heisst es aktiv werden: Frauenstreik und Interkultureller Begegnungstag St. Gallen

Gerade und bis heute Abend ist Frauen*Streik in der Schweiz, an dem sich Frauen für mehr Gerechtigkeit engagieren. Auch in der St. Gallen gibt es ein spannendes Programm und mitmachen lohnt sich auf jeden Fall. Die Forderungen kannst du HIER nachlesen.
Amnesty International zeigt sich solidarisch und fordert eine grundlegende Reform des veralteten Schweizer Sexualstrafrechts.Setze auch du an diesem historischen Tag ein Zeichen! Unterschreibe unsere Petition an Bundesrätin Keller-Suter und fordere mit uns, dass Frauen endlich besser vor Übergriffen geschützt werden und dass Opfer Gerechtigkeit erfahren.

Und morgen geht's zum Interkulturellen Begegnungstag St. Gallen, an dem wir wieder einen Stand haben werden. Informationen zum Begegnungstag und zum Programm findest du HIER.

Wir freuen uns auf deinen Besuch!

Montag, 11. Februar 2019

My Body My Rights und Müttergesundheit direkt erlebt

In der Schweiz vertrete ich die Kampagnen von Amnesty International und lese die Zahlen und Rechte auf der Website von AI Schweiz. Bei meiner ärztlichen Arbeit in Sierra Leone erlebe ich hautnah, was es bedeutet, wenn diese Rechte nicht umgesetzt werden:

Sierra Leone, in Westafrika gelegen, ist eines der ärmsten Länder der Welt, ersichtlich an einem der höchsten Human Development Index, wo Sierra Leone einen der letzten Plätze einnimmt. Die jüngere Geschichte des Landes ist von zwei katastrophalen Ereignissen geprägt, zum einem dem Bürgerkrieg in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts und von der Ebola Epidemie, die 2014-2016 Westafrika heimsuchte. Die Folgen sind noch spürbar: das Gesundheitssystem hat sich von den Verlusten an Fachpersonen und die Wirtschaft von dem Rückzug von Investoren noch nicht erholt. Zudem ist die Ebola Epidemie auf ein ohnehin schwaches Land getroffen mit einer schwachen Regierung und Gesundheitssystem. Die Frauen in dem Land sind – trotz formell gleicher Rechte – ein besonders schwaches Glied. Insbesondere in den ländlichen Gebieten ist der Schulbesuch oft nur wenige Jahre möglich, da Armut und hohe Kinderzahlen dies verhindern. Mit der geringen Bildung ist auch die Aufklärung zur Reproduktion und den eigenen Rechten nicht gegeben. Somit sind Teenagerschwangerschaften und eine hohe Geburtenrate Alltag in Sierra Leone. Auch das Wissen um die Vorsorgen, Zugang zu Spitälern und die Möglichkeit, in Begleitung einer Fachperson zu entbinden, sind eingeschränkt. Der durch die Todesfälle der Ebola Epidemie noch verstärkte Fachkräftemangel zeigt sich zum Teil auch in Health Centern, in denen es zudem an Medikamenten und Material mangelt. So werden nur 60% der Geburten von einer Fachkraft begleitet. Dies sind einige der Gründe, warum Sierra Leone weltweit eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten hat, mit 1360 von 100.000 Geburten (zum Vergleich: in der Schweiz liegt die Rate bei 6 zu 100.000 Geburten; Daten vom WHO Report 2017).

Junge Mütter mit ihren Kindern im Spital
Ein Beispiel für die limitierten Rechte der Frauen habe ich auch selbst immer wieder erlebt: wenn die Schwangere in einem Spital ist und ein Kaiserschnitt aufgrund einer bedrohlichen Situation erforderlich ist, so ist es üblich, dass die Unterschrift (bzw. der Fingerabdruck) von dem Mann oder einem männlichen Verwandten geleistet wird. Ist dieser nicht verfügbar (zum Beispiel durch Arbeiten auf einer Farm), dann wird in einigen Fällen das Leben der Mutter (und des ungeborenen Kindes) durch eine nicht durchgeführte lebensnotwendige Operation gefährdet.

Es gibt noch viele weitere Situationen, die dafür verantwortlich sind, dass „My Body, My Rights“ für viele Frauen weltweit noch nicht umgesetzt ist.

Gudrun Jäger, Mitglied der lokalen Amnesty Gruppe St. Gallen